Ich will nicht von jedem geduzt werden!

Kaulsdorf im hauchzarten Neuschnee! Die verdorrten Blütenstände tragen einen Mix aus Glanz und Plunder. Das Brachland zwischen Kanal und Kleingartenanlage funkelt weiß im Nachmittagslicht. Kurzum: Alles könnte sich friedlich auf den zweiten Advent einstimmen, wenn es da nicht solche unerzogenen Schnösel gäbe, die einen immer anmachen müssen.
Die neuste Nervensäge des Jahrhunderts bei uns heißt Rocco. Glaube ich zumindest gehört zu haben. Aber eigentllich ist es ja auch egal, wie er heißt, der hört nämlich weder auf seinen Namen noch auf sein Frauchen, das ihn ruft. Und mich nimmt er auch nicht ernst, was sicher am schwersten wiegt. Eigentlich war ja mein Blog nicht dazu da, klugzuscheißen. Mir war das neulich schon peinlich mit dem Clickern. Aber ich glaube, bei Rocco kann das gar nicht schaden, mal deutlich zu werden.
Also: Die „Chefin von’t Janze“ und ich waren gestern in allerbester Wochenendstimmung. Keine „Weihnachtsklatsche“ und kein Schulfrust, sondern einfach nur „Winter wonderland“. Angeleint, weil auf dem Feld noch ein unbekannter, ebenfalls angeleinter Boxer lief, marschieren wir um unsere Kleingartenanlage, da kommt auf einmal so etwas Halbhohes, Schwarzes um die Kurve auf uns zugeschossen. Bei der „Chefin von’t Janze“ rattert da erst einmal eine Fahndungsliste durchs Hirn. Kennen wir den? War das ein Rüde oder eine Hündin? Alter? Grundgehorsam? Situative Stereotypen unterstützen natürlich die Identifikation. Das war hier das Frauchen, das flötete: „Rocco, Rocco!“. Das hatte die doch schon mal geträllert. Vor etwa einem Monat als sie mit dem Fahrrad etwa einen Kilometer vom Einflussbereich ihres halbwüchsigen Jungrüden entfernt uns entgegen strampelte.
Wenn der Täter identifiziert ist, startet die Chefin das Antwortprogramm. Da bin ich aber meistens etwas schneller. Ich springe an der Leine vorwärts und habe schon tief eingeatmet, um alle Kraft ins Bellen zu legen. Die Chefin funkt der Flötistin zu: „Auf Rüden haben wir gar keine Lust!“ und mir: „Komm mal hier, lass den in Ruhe!“, was wiedermal völlig überflüssig ist. Denn Rocco lässt ja grade mich nicht in Ruhe. Der hat Sprungfedern unter den Pfoten, kommt immer wieder heran gehüpft, wedelt aufgeregt und glaubt doch echt, i i i i c h, der gut erzogene Sky, würde mit ihm spielen. Es ist unglaublich, was diese Schnösel sich so einbilden. O.k., es heißt ja immer:

„Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche.“

Deshalb will ich mal auch gar nicht über den dummen Rocco lästern. Wenn sein Frauchen ihm signalisiert: Bitte mach was du willst!, dann macht der eben auch, was er will. Und anstatt sich bei dem Versuch, ihn nun anzuleinen zu blamieren, lässt sie ihn weiterspringen und flötet meiner Chefin seufzend zu: „Der hat nichts als Flausen im Kopf!“ (Als ob wir das nicht schon gemerkt hätten.  – Und bestimmt will sie ihn auch so richtig auslasten.)  „Der muss laufen, laufen, laufen, an der Leine kann ich den gar nicht auspowern .“  (Wenn man mich von der Leine gelassen hätte, hätte ich schon dafür gesorgt, dass der liebe Rocco buchstäblich  a u s g e p o w e r t   worden wäre.) Jedenfalls war unsere Wochenendstimmung erst mal weg und meine Chefin war wieder voll im Schulmodus: „Den würde ich gar nicht frei laufen lassen, solange der nicht hört. Sie sind mir doch neulich schon entgegen gekommen. Der hat doch jetzt wieder nichts aus der Situation gelernt.“ Wenn meine Chefin den Schulmodus startet, finde ich das so peinlich, dass ich sie gleich weiterziehe.
Weiter hinten kam nämlich schon unser Freund Snoopi. Der ist cool mit seinen 13 Jahren. Der darf mich auch duzen.

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