Hoffnung auf Freundschaft

Michael Grewe / Inez Meyer: Hoffnung auf Freundschaft

Rezension © 2012 Bettina Haubold - Mit freundlicher Genehmigung von Schreibfeder.de

Was passiert, wenn ein kleiner Welpe in unser Leben tritt? Wir hoffen, dass es der Beginn einer lebenslangen Freundschaft ist. Es werden Kindheitserinnerungen und -sehnsüchte wach, das "Kindchenschema" wird in uns geweckt und es gibt nur weniges, was diese schönste Nebensache der Welt übertrumpfen könnte. Anpassungsfähig wie Hunde sind, sind sie bereit, unseren Erwartungen zu entsprechen. Aber das Leben lehrt, das trotz bester Absichten sich der erhofften Freundschaft einiges in den Weg stellen kann. Warum ist das so? Michael Grewe, einer der bekanntesten deutschen Hundetrainer, hat ein Buch darüber geschrieben, dass im Rahmen der populärwissenschaftlichen Ratgeberliteratur einen ganz besonderen Platz bekommen sollte. Die - ja doch, poetische - Grundidee des 189-seitigen Buches ist es, zwei Australian Shepard Welpen durch ihr erstes Jahr, vor allem in ihrem neuen Heim zu begleiten. Da ist der etwas nachdenkliche Spencer, der hinüber in eine turbulente Familie mit zwei Kindern wechselt und sich dort ohne Welpengruppe oder Hundeschule einpasst. Und da ist Bandit, der zu der gut vorbereiteten Merle und ihrem Mann Holger kommt, in drei verschiedene Welpengruppen geht und über alle Maßen geliebt wird. Am Ende des Jahres muss er sich dem Wesenstest stellen. Grewe und Meyer verfolgen die wichtigsten Stationen im Leben dieser Hunde: die ersten Tage und Wochen bei der Mutter und dem Züchter, den Einzug ins neue Heim mit der Sozialisierungsphase, die Junghundphase und die Pubertät. Aber sie bleiben nicht bei den konstruierten Fällen stehen, sondern richten den Blick auf Hunde und ihre Bedürfnisse überhaupt, aber auch auf uns Menschen und unsere Erwartungen an den Hund. Dabei ist es ein unaufgeregter Blick auf die Spezies Mensch. Das gehört zu den neuen Tönen in den Hunderatgebern wie es auch schon bei Riepe "Herz, Hirn, Hund" (siehe Schreibfeder-Archiv Sachbücher) anklang. Es braucht nicht unbedingt eine Welpengruppe oder mehrere Hundesportgruppen, damit ein Hund im Alltag klar kommt. Bandit, der alles besucht, was angeboten wird, lernt für seinen Alltag weniger als sein Bruder Spencer, für dessen Erziehung es keinen Stundenplan gibt, der aber von der ersten Minute in seiner neuen Familie erlebt: Ich muss mich hier als einer von vielen einpassen. Bandits Frauchen Merle meint es gut, aber sie wird durch den Jungen Hund und sein von Tag zu Tag selbstbewusster werdendes Auftreten und viele Erziehungstipps verunsichert und verliert das Gespür für das richtige Timing, um auf ihren Bandit zu reagieren. Bei Spencer setzt es versehentlich schon mal einen Klaps, aber damit ist der Konflikt dann auch geklärt. Bandit dagegen merkt, er kann seinen Alltag scheinbar gut regeln, steigert sich dadurch aber auch in eine Rolle hinein, die ihn überfordert und aus der ihn niemand heraus holt. Michael Grewes und Inez Meyers Buch ist innerhalb des KOSMOS-Ratgeberprogramms ein etwas aus dem Rahmen fallender Titel. Es ist nur bedingt ein Erziehungsratgeber und lebt nicht wie die Bücher von KOSMOS sonst von Fotos. Es ist in erster Linie eine moralische Auseinandersetzung mit uns als Hundehalter. Es liest sich nicht nur spannend, weil es ein sehr veränderungsreiches Jahr im Leben des Hundes kommentiert, sondern weil es auch unsere menschliche Beziehung, unseren Umgang mit dem Leben, seinen Illusionen und Konflikten hinterfragt. So scheuen sich Grewe und Meyer auch nicht davor, das Tabu zu brechen und ausführliche Vergleiche zum Aufwachsen von Kindern einfließen zu lassen, die ähnliche Prozesse durchleben. Auch diese Vergleiche zeigen, wie wichtig ihnen der Hund und unsere Haltung als Hundeführer ist. Grewe/Meyer malen vor allem mit Bandits Besitzerin sehr schwarz/weiß. Sie stellen stellenweise mindestens eine Handvoll rhetorische Fragen nacheinander. Sie machen so einen Fehler nach dem anderen und können so doch deutlicher werden als manch anderer Ratgeber. Ihr Text übertrifft - was auch selten vorkommt - das Vorwort von Dr. Dorit Feddersen-Petersen um Längen. Und wenn der heiß geliebte Bandit am Ende im Tierheim landet, dann legt man das Buch aus der Hand und bittet: Herr Grewe, schreiben Sie jetzt den nächsten Teil, wie er dort wieder rauszuholen ist. Nehmen Sie ihr Urteil zurück, dass die neurologischen Weichen gestellt sind. Denn auch das wissen wir aus der menschlichen Neurologie: Das Hirn ist bis zum Lebensende formbar. Und wer Bandit übernimmt, wird wie sein erstes Frauchen Merle Illusionen gerade in den Tierheim-Hund setzen. Bandit wird ihm nicht sagen können, was bisher passiert ist. Aber Grewe und Meyer könnten es vielleicht aufdecken und uns zu aktivem Eingreifen und Geduld ermutigen.